Der Blick fällt zuerst auf die grosse Aussparung im unteren Zifferblattbereich: Dort liegt die Unruh offen sichtbar unter einer fein gravierten, symmetrisch angeordneten Goldbrücke mit rotem Rubinstein, während die beiden Zeiger deutlich ausserhalb der Zifferblattmitte angeordnet sind. Dieses ungewöhnliche Konstruktionsmerkmal ist keine moderne Spielerei, sondern das Erkennungszeichen des sogenannten Hebdomas-Kalibers – das vielleicht auffälligste Merkmal des Werks ist die freiliegende Unruh auf der Zifferblattseite, die auf einer seitlichen Brücke montiert ist, typischerweise vergoldet und mit einem floralen Motiv graviert, während Stunden- und Minutenzeiger ausserhalb der Mitte über der Unruh angeordnet sind.
Die Konstruktion geht auf ein Patent zurück, das 1888 im Schweizer Jura entwickelt und am 10. Januar 1889 an Irénée Aubry aus Saignelégier erteilt wurde. Der Name Hebdomas selbst leitet sich aus dem Griechischen beziehungsweise Lateinischen ab und bezeichnet die Woche – die Uhren versprachen, mindestens eine Woche ohne Aufzug zu laufen, tatsächlich sogar noch etwas mehr, da die Zifferblätter meist "8 Jours", "8 Days" oder "8 Tage" tragen. Als Markenname für die charakteristische Ausführung mit der grossen Unruhbrücke setzte sich die Bezeichnung Hebdomas allerdings erst um 1906 durch, nachdem der Uhrmacher Arthur Graizely das Patent von Aubry übernommen und mit einer eigenen Unruhbrücken-Konstruktion weiterentwickelt hatte.
Technisch bemerkenswert ist vor allem die Anordnung im Werk selbst: das Hebdomas-Werk ist ein 8-Tage-Handaufzugswerk, dessen mächtiges Federhaus fast den gesamten Durchmesser des Werks bedeckt und sich, ähnlich einem Automatikrotor, um die Mitte dreht. Diese überdimensionierte Zugfeder ist der eigentliche Grund für die lange Gangreserve von acht Tagen – ein für ein einfaches, in Serie gefertigtes Taschenuhrwerk seiner Zeit aussergewöhnlicher Wert. Das Zifferblatt dieses Exemplars trägt die Signatur "Chs. Tissot & Fils, Le Locle" zusätzlich zur Bezeichnung Hebdomas, was auf die damalige Praxis verweist, wonach angesehene Häuser wie Tissot solche technisch aufwendigen Werke unter eigenem Namen anbieten liessen. Die zeitgenössische Wertschätzung für diese Konstruktion belegen auch die zahlreichen Auszeichnungen, die das Hebdomas-Kaliber an internationalen Ausstellungen in Genf 1896, Paris 1900, Chicago 1902, Mailand 1906, Brüssel 1910 und Bern 1914 erhielt und die auf vielen originalen Federhausdeckeln graviert sind.
Dass die vorliegende Uhr auf um 1990 datiert wird, passt zur bemerkenswert langen Produktionsgeschichte dieser Konstruktion: nach dem Ende von Schild & Co. gingen die Rechte an Design und Marke Hebdomas 1982 an die Firma Xantia über, welche das charakteristische Werk mit der offenen Unruh bis in die 1990er-Jahre weiterfertigte. Ein solches Stück im 49.5 mm grossen Gelbgoldgehäuse, mit der klassischen floralen Zifferblattgestaltung, den beiden Aufschriften "8 Jours" und "8 Days" sowie dem historisch gewachsenen Tissot-Bezug, steht damit am Ende einer Konstruktionslinie, die fast ein Jahrhundert lang nahezu unverändert blieb – ein seltener Fall in der Uhrengeschichte, in dem ein technisches Detail aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die jüngere Vergangenheit hinein Bestand hatte.


